1:0 für PD
Diese Runde geht an Parkinson.
In meinem Leben habe ich wenige Prüfungen nicht bestanden. Da waren das französisch Diplom und die Autoprüfung mit 16. 16? – Ja genau. Ich wohnte damals bei meiner Tante in Kalifornien. An der Fahrprüfung wechselte ich die Spur ohne nach hinten zu schauen. Beim zweiten Mal habe ich sie dann bestanden. Gültig war die Prüfung in der Schweiz allerdings nicht und so machte ich die Theorie- und Fahrprüfung mit 18 noch einmal. Und für das französisch Diplom hatte ich schlicht zu viel Deutsch und zu wenig Französisch gesprochen, trotz oder wegen dem Aufenthalt in einem Sprachinternat – mit anderen Deutschschweizer:innen.
Naja, dann folgten die guten Jahre. Ich bestand die Sekundaraufnahmeprüfung, meinen KV-Abschluss, das Assessment und die Schlussprüfung an der Fachhochschule, die Hotelfachausbildung auf Englisch und das Executive MBA auf Englisch. 27 Jahre später: starten jetzt die schlechten Jahre?
Theorie top, Bewegung flop.
Ich hatte geübt und geübt und geübt. Ich habe Freundinnen gebeten mit mir zu trainieren, habe einen Kurs ins Leben gerufen, damit ich am Morgen trainieren konnte. Ich habe meine Lektionen so umgeschrieben, dass die Bewegungen für meinen Körper passten. Ich habe Muskeln aufgebaut und gleichzeitig abgenommen. Und jetzt? Die schmerzhafte Erkenntnis, dass ich nicht mehr mithalten kann.
Prüfungstag
Die schriftliche Prüfung lief gut. Ich fokussierte, war konzentriert. Für die Praktische war ich vorbereitet. Ich kannte meine Bereiche oder auch Packages genannt (Bauch Beine Po Oberkörper Rücken) und konnte sie unterschiedlich anordnen. Ich timte die Musik genau:
3 Lieder Warm Up = 9 min bei 128 BPM
4 Lieder Hauptteil = 9 min bei 126 BPM
1 Lied Übergang = 3.5 min bei 100 BPM
1 Lieder Stretching = 3.5 min, Total 24:44
Doch die Übungen wurden willkürlich aus meinem geplanten Ganzkörperprogramm ausgewählt, nicht nach Bereichen. Naja. Zum Glück kannte ich meine Musik und wusste genau, wo ich war. So konnte ich mich auf die anderen Sachen konzentrieren. Mein Fehler war, dass ich den Hauptteil nicht um ein zusätzliches Lied erweitert habe. Denn die vorgegebenen „ca. 20 min“ waren in Wirklichkeit einfach so viele Minuten, wie man für das Kurzprogramm brauchte. Obwohl sonst Timing alles ist und in einem Fitnesszentrum die Lektion auf die Minute genau anfängt und aufhört…
Warm up – die Achterbahn beginnt
Zu Beginn war ich konzentriert. Ich kann das, dachte ich. Und dann zitterten meine Hände bereits als ich das Handy an die Anlage anschloss. Ich versuchte die Symptome zu ignorieren, die aufsteigende Nervosität mit aller Kraft zu unterdrücken, zu atmen, mich zu konzentrieren, auf die Muskeln, die Arme, das Sprechen, meine eingeübten Schritte. Und prompt war ich aus dem Takt. Ich hatte einen Schritt zu wenig gemacht. Und das beim Warm Up. Jetzt ging gar nichts. Mein Gehirn fühlte sich an wie eine vollgestopfte Autobahn im Durchzug. Ich vergass Schritte, war nicht im Takt, kam wieder rein. Schaute auf meine Teilnehmerin und improvisierte. Es musste weitergehen. also nochmals gleicher Schritt. Nicht anhalten, weitermachen. Es ging!
Kräftigung – nicht zu viele Sätze
Der Hauptteil ging besser. Ich absolvierte alle vorgegebenen Übungen, wechselte das Tempo, erklärte die Übung, wies meine Teilnehmerin an, schaute kurz, ob sie die Übung richtig machte, wechselte die Positionen im Fluss und improvisierte, weil ich anstatt der stehenden Übungen direkt auf die Matte ging und sie dafür nachher machte. Mist. Blick zur Jury. Weiter gehts. Ich wusste, dass ich für die 12 Übungen 3×32 Counts zur Verfügung hatte, inklusive Wechsel, damit ich auf die 9 Minuten kam. Ich schaffte es fast. Zum Glück hatte ich das Übergangslied.
Stretching – Entspannen
Stretching. Das konnte ich. Die Musik beim Stretching machte ich leiser. Halber Drehsitz, vorderer Oberschenkel, Brust. Kurze Erklärung. Nicht zu viel sagen, leiser sprechen. Die Teilnehmerin soll sich entspannen können. Oder doch nicht.
8 Punkte fehlten
Nützte alles nichts. Hauptteil: 8 ½ von 22 Punkten. Übergänge falsch. Reihenfolge falsch, Wiederholungen/Intensität falsch, keine Technik-Cues, keine Korrekturen. Im Stretching nur 4 von 10 Punkten: falsche Musik, Stimme nicht gut, Dehnung nicht 30 Sekunden, keine Technikhinweise. Wenig sei auch nichts, also null Punkte. Das Warm Up war knapp ok, obwohl hier Armlinien falsch waren, Knie- und Fussstellungen Mängel aufwiesen und keine Korrekturen oder Teamarbeit vorhanden waren. Immerhin hatte ich den Gesamteindruck mit 5 ½ von 8 Punkten bestanden. Aber auch hier, Motivation gleich null. Das mündliche Feedback war sehr einseitig: Das Timing stimmte im Warm Up nicht. Ich hätte den falschen Takt wohl gemerkt, hätte aber zu lange gebraucht um wieder rein zu kommen. Und das Timing sei das Wichtigste im Group Fitness und es habe auch im Hauptteil nicht gestimmt. Ich sei nur spontan und intuitiv aber nicht bewusst zurück in den Takt gekommen. Überhaupt, ich müsse jetzt üben mit Teilnehmern, am besten mit Videos. Ich bräuchte mehr Zeit um das Timing richtig hin zu kriegen. Ich habe die praktische Prüfung zur Kursleiterin für Gruppenkurse nicht bestanden.
Was sage ich dazu?
Natürlich denkt jeder der Durchfällt, dass gewisse Punkte ungerechtfertigt abgezogen wurden. So auch ich. Aus meiner Sicht stimmt die Punkteverteilung nicht. Ich habe null Punkte erhalten für Dinge, die ich gemacht hatte, zum Beispiel Stretching-Musik. Und wenn mein Timing so schlecht war, warum war dann das Warm up besser bewertet als Hauptteil und Stretching? Warum waren Wiederholungen falsch und die Reihenfolge nichts Wert?
Meine Unterstellung für die schlechte Bewertung geht allerdings in eine subtilere Richtung: Warum soll jemand mit einer Bewegungsstörung in die Group-Fitness-Gemeinschaft aufgenommen werde? Mir fiel damals ein Stein vom Herzen, als ich der Kursleiterin am zweitletzten Tag erklärte, dass ich eine Bewegungsstörung hatte. Der letzte Modultag ging dann auch wirklich gut. Ich hatte das Gefühl, sie verstehe mich jetzt besser und sehe meine Motivation, was vorher nicht mein Eindruck war. Da war ich in ihren Augen wohl die unmotivierte Person mit der schlechten Haltung, und der wenig dynamischen Ausstrahlung. Ein Trugschluss. Ich hätte besser nichts gesagt.
Was ist „ausreichend“ – Prüfungsrichtlinien
Meine Performance war nicht top. Ich merkte bereits am Morgen des Prüfungstages meine steifen Muskeln und Stresssituationen verstärken die Symptome. Und ich wusste nach der Prüfung, dass es solala war. Nur verstand ich damals die Prüfungsrichtlinien so, dass Theorie und Praxis zu je 50% zählen und somit die Gesamtpunkte von beiden zusammengezählt und dann halbiert werden. So rechnete ich, dass mit der guten Theorieprüfung das Endresultat stimmte. Sofern beide Tests „ausreichend“ waren. Leider verstand die Schulleitung die Richtlinien anders.
Auch meine zweite Erklärung , wonach jede Prüfung mit 50% zu bestehen sei, und mit 50% „ausreichend“ gemeint sei, stimmte nicht. Mir wurde jetzt erklärt, dass sich die 50% auf die Zusammensetzung der Prüfung beziehe: Teil 1 sei die Zulassung zur Prüfung, Teil 2 sei 50% der Prüfung und Teil 3 sei 50% der Prüfung und „ausreichend“ seien 65%. Wohlgemerkt, schriftlich sind die 65% nicht genannt.
Man merke: Missverständliche und unklare Prüfungsrichtlinien helfen nicht, vor allem wenn vorher nicht klar ist, wieviel Prozent ein „ausreichend“ denn nun effektiv ist. Diese Bezeichnung gibt es in der Schweiz nicht als Note. Der Kurs und die Unterlagen stammen auch von einer deutschen Firma, welches die Schweizer Schule 1:1 übernommen hat. Auf Wikipedia wird die Note 4 des Deutschen Notensystems als „ausreichend“ bezeichnet. In Prozente umgerechnet ist ein Range von unter 67 bis einschliesslich 50% genannt (Berufskolleg). Auf zum-wiki zeigt die Skala der Sekundarstufe I bei „ausreichend einen Range von 45-58%. Somit könnten die in den Richtlinien angegebenen 50% absolut als „ausreichend“ verstanden werden.
Mein Fazit
Seit ich Parkinson habe, sah ich nur die positiven Stories: Da hat jemand einen Marathon gelaufen – trotz Parkinson. Dort durchquert ein anderer schwimmend den Neuenburgersee. Aber die Niederlagen habe ich verdrängt. Warum soll man auch darüber reden. Sie schmerzen. Sie schmerzen stark und nagen am Selbstwertgefühl. Mit Parkinson kann mann noch soviel trainieren, auch im Frühstadium der Erkrankung, es ist zu wenig. Parkinsonbetroffene müssten etwa 1/3 mehr trainieren als Gleichaltrige, würden sich aber tendenziell weniger bewegen. 30 bis 60 Minuten Training an vier Tagen pro Woche wäre optimal, gemäss Parkinson Das Übungsbuch.
Texte schreiben hilft mir, Sachen zu verarbeiten und diese aus einer gewissen Distanz zu betrachten und zu analysieren. In diesem Fall fühle ich mich zusätzlich zu meiner Diagnose auch noch unfair behandelt. Deshalb bin ich mir noch nicht im Klaren, wie ich mich weiter entscheiden soll.
Wer meinen Blog liesst, weiss schon einiges über mich. Hier eine kurze Zusammenfassung: Ich bin jetzt 43, habe im März 2021 den Familienbetrieb verlassen um mich selbstständig zu machen. Auf der Suche nach meinem Business hüpfte ich von Idee zu Idee, bis ich beim Gedanken von Fitnesskursen von Parkinsonbetroffenen für Parkinsonbetroffene hängen blieb. So habe ich gehandelt wie bisher üblich und die Idee umgesetzt. Erster Schritt: Group Fitness Instructor Kurs absolvieren.